Humanismus und Rationalität

Ich möchte an dieser Stelle über das Verhältnis von Humanismus als Ethik und rationalem Handeln einige Bemerkungen abgegeben. Es geht also um das Verhältnis von humanistischen Normen und Werten zur Vernunft und in diesem Fall insbesondere in Bezug auf gesellschaftliche und politische Entscheidungen. Es geht vor allem darum, dass man sich nicht in den Wirrungen der transzendentalphilosophischen Betrachtung von Humanismus verfängt, sondern dass man seine normative humane Grundhaltung mit empirischen Fakten verbindet und zu rational-logischen Entscheidungen gelangt, die letztlich das Leben der Menschen in unserer Welt verbessern.

Zunächst einmal erfordert dies, dass man sich damit auseinandersetzt, sein eigenes Sein auch kritisch reflektieren zu können. Diese Form von permanenter Selbstkritik ist die Grundvoraussetzung dafür, ein Selbstbewusstsein zu entwickeln, dass letztlich in demokratischen Strukturen die Voraussetzung dafür ist, reale Veränderungen in unserer Gesellschaft zu vollbringen. Hierzu kann beispielsweise die Meditation eine Methode sein. Hat man selbst diese Grundvoraussetzung der Selbstkritik erfüllt, so hat man als Mensch auch genug Selbstbewusstsein, um die materialistische Wirklichkeit der Welt zielführend und wahrheitsgetreu zu analysieren und empirische Befunde Anderer über die Wirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen.

Die zureichende Analyse der empirischen Wirklichkeit der Welt ist wiederum die grundsätzliche Voraussetzung dafür, dass Rationalität als ein Denkprozess in die Zukunft überhaupt möglich wird. Die Welt zu verändern setzt einen Willen voraus, den man wiederum auch grundsätzlich dahingehend überprüfen muss, ob er in Einklang steht mit einer humanistischen Weltanschauung. Ist mein Wille denn überhaupt der, Gutes zu tun oder bin ich nicht davon getrieben, durch Aktionismus selbst im guten Licht dastehen zu wollen? Diese kritische Reflexion muss geschehen bevor man überhaupt in Erwägung zieht, sich für politische Veränderungen einzusetzen. Weiterhin sollte man immer im Blick haben, dass es richtig ist auch die Konsequenzen einer sozialen Handlung mit in seine Grundüberlegungen einzubeziehen. Man kann zwar einerseits sagen, dass eine Handlung auch dann moralisch als positiv zu bewerten ist, wenn man die Konsequenzen einer Handlung nicht im Vorhinein betrachtet, andererseits geht es in politischen Fragestellungen immer um das Wohl der gesamten Gesellschaft und nicht nur um eine private Willensentschließung. Daher ist es unerlässlich, dass man eine rationale Folgenabschätzung seiner Handlungen vornimmt, weil selbst dann, wenn die Intention einer sozialen Handlung als in Einklang mit humanistischen Werten zu beurteilen war, heißt das noch lange nicht, dass die Konsequenz der Handlung bzw. die gesellschaftliche Wirklichkeit nach der sozialen Handlung zu mehr Humanität und Gewaltfreiheit in der Gesellschaft führt.

Die Verkündung empirischer Tatsachenbefunde unter Berücksichtigung dessen, dass man möglichst wahrheitsgetreu die Wirklichkeit der Welt darstellt ist in diesem Sinne noch keine ethisch bewertbare Handlung, denn empirische Befunde abzuliefern und der Menschheit zur Verfügung zu stellen kann letztlich in fast jedem Fall als sinnvoll und damit auch als im Einklang mit humanistischen Werten betrachtet werden. Empirische Befunde sind jedoch nur ein Schritt auf dem Weg zu rational-logischer Erkenntnis. Um diese Erkenntnis der Wahrheit und der Eruierung der Möglichkeiten zur Veränderung der Gesellschaft zu erreichen, besitzt der Mensch durch die Philosophie, durch die Methode der Logik, durch den Dialektischen Materialismus alle Möglichkeiten. Die Philosophie hat immer schon einen enormen Einfluss auf die Entwicklung der Kultur und der Gesellschaft gehabt. Die Weisheit und die Vernunfterkenntnis waren seit jeher die Quellen und der Motor der gesellschaftlichen Entwicklung. Es besteht auch eine moralische Pflicht gegenüber den Mitmenschen, diese Möglichkeiten der Philosophie und der wissenschaftlichen Methode zu nutzen, um die Lebensumstände der Menschen zum Positiven hin zu verbessern.

Das Streben nach neuer Erkenntnis setzt auch eine gesellschaftliche Kultur voraus, die dieses ermöglicht. Eine allzu enge, möglicherweise auch durch religiöse Dogmen und politische Engstirnigkeit starrsinnige Gesellschaft ermöglicht nicht nur keine Veränderungen der Lebensverhältnisse, sondern behindert auch das Denken darüber bereits in enormem Maße. Das heißt, dass geschlossene Gesellschaften nicht nur dem Einzelnen die Möglichkeit verwehren sich von der Obrigkeit zu emanzipieren, sondern bereits das freie Denken an sich unterminieren. Solche Gesellschaftsformationen stehen nicht im Einklang mit humanistischen Grundwerten und schalten die Gesellschaft und jeden einzelnen im Regelfall auf eine leitende Staatsideologie gleich, in der jede Vernunfterkenntnis bereits Ketzerei wäre. Ich erwähne dies nur an dieser Stelle, um auf die Tatsache hinzuweisen, dass freie Gesellschaften wesentlich mehr Möglichkeiten bieten, um die soziale Realität an die Erkenntnisse der Vernunft, gewonnen aus Forschungsergebnissen durch die rational-logische Methode anzupassen.

Der menschliche Geist hat die Fähigkeit, Denksysteme, philosophische Entwürfe, empirische Befunde über die Wirklichkeit und wissenschaftlichen Fortschritt auf der Grundlage des logischen Empirismus zu erzeugen. Ich gehe dabei davon aus, dass derjenige, der ohne Dogmen durch eine wie auch immer geartete Pflichtethik logische Schlussfolgerungen produziert, auch immer letztlich einem humanistischen Ideal folgt und dabei auch immer alle moralischen Grundsätze des Kategorischen Imperatives von Immanuel Kant befolgt. In diesem Sinne ist jede logische Vernunfterkenntnis als ein Fortschritt für die gesamte Menschheit zu betrachten. Derjenige, der ein solches Gedankenmodell produziert hat, ist auch immer letztlich so kritikfähig, dass er Verbesserungen oder etwa Erweiterungen seiner Theorie ebenfalls als nicht gegen ihn persönlich gerichtete Attacke auffasst, sondern als einen anderen oder gar besseren Weg, der Menschheit durch wissenschaftliche Erkenntnis dienlich zu sein. Die Frage nach dem Sein eines Forschers stellt sich deshalb in anderer Form, als bisher angenommen. Ein Forscher, der sich frei macht von ideologisch begründeten Dogmen, ist immer zurückgeführt auf sein natürliches Sein als Mensch an sich. Nur auf diese Weise wird garantiert, dass es nicht zu unscharfen empirischen Befunden kommt und auf deren Grundlage dann zu falschen Schlüssen. Dies bedeutet, dass man als Wissenschaftler sein Handeln und Denken so einstellen muss, dass man eindeutig trennt zwischen seinem Sein in der Funktion als Produzent rational-logischer Erkenntnis und seinem menschlichen Sein als transzendentales Gemütswesen innerhalb der eigenen religiösen oder weltanschaulichen Gemeinschaft und innerhalb der Weltgesellschaft als Ganzer.

Agnostizismus, Atheismus, Ideologiefreiheit und das absolute Vertrauen auf die Rationalität sind demnach die Grundvoraussetzungen, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen auf deren Grundlage man dann später die Gesellschaft verändern kann. Man muss nicht nur skeptisch, sondern strikt ablehnend sein gegenüber jeder Form von Dogmatik, gegenüber jeder Form von normativ-ontologischen Theorien. Dies heißt nicht, dass ein Wissenschaftler nicht auch einer Religion oder einer Weltanschauung, kurzum transzendentalphilosophischen Dingen frönen dürfe. Es geht hier rein darum, dass während des Denkprozesses jegliche Form von Ethik, Transzendentalphilosophie, rationaler Theologie und der gesamten Metaphysik über Bord geworfen wird, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, die letztlich die Lebensumstände der Menschen verbessern können. Diese Auffassung sollte sich meines Erachtens in der gesamten Sozialwissenschaft, der Philosophie, der Politikwissenschaft, der Psychologie, der Medizin und vor allem auch der Ökonomie durchsetzen.

Bei der Erforschung von neuen Möglichkeiten hat der moderne Wissenschaftler die Liebe zur Weisheit und zur Wahrheit und führt damit lediglich die Denkprozesse aus, die von der Gesellschaft benötigt werden, um Probleme etwa im Zusammenleben der Menschen zu lösen. Damit kommt der Philosophie und ihrer eben genannten Unterdisziplinen eine enorme Bedeutung zu, die man auf der einen Seite nicht unterschätzen sollte und auf der anderen Seite nicht durch normativ-ontologische Theorien behindern sollte. Leider ist festzustellen, dass im universitären Wissenschaftsbetrieb ein gegenläufiger Trend zu beobachten ist, hin zu mehr religiöser, weltanschaulicher und politischer Dogmatik, die das freie Denken und damit auch den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt verhindern. Zu viele Lehrstühle werden von Personen bekleidet, die in den meisten Fällen sich nicht einmal darum bemühen, neue empirische Befunde der Wirklichkeit zu erzeugen, sondern sich lediglich damit begnügen, rein hermeneutische Forschung zu betreiben. Diese Form der Forschung produziert keine neuen logischen Schlüsse und ist demnach letztlich oftmals wertlos. Dies kostet nicht nur die Gesellschaft viel Geld, sondern wirkt sich auch negativ auf die Zukunftschancen der Menschheitsentwicklung aus.

Es ist natürlich nicht schadhaft, dass es weitere empirische Theorien gibt, die sich dabei auf andere empirische Theorien durch Zitate und Paraphrasen berufen, solange die ursprünglichen empirischen Theorien die Wirklichkeit der Welt wahrheitsgetreu beschreiben. Auf der anderen Seite entsteht dadurch aber rein wissenschaftlich gesehen kein Mehrwert für die Gesellschaft. Insofern müssen die Möglichkeiten und Voraussetzungen für Forscher, für Wissenschaftler innerhalb der Gesellschaft neu justiert werden und man muss sich auch selbst vom elitären universitären Wissenschaftssystem unabhängig machen.

All dies sind Voraussetzungen die ich hier benenne, damit Rationalität möglich wird. Dabei kann natürlich auch gesagt werden, dass humanistische Transzendentalphilosophie ein hilfreiches Instrument sein kann, um solche Voraussetzungen zu schaffen. Sie ist jedoch kein hinreichendes methodisches Instrument, um wirklichkeitsgetreue und wahrheitsgetreue empirische Befunde über die Welt oder auf der Grundlage der logisch-empirischen Methode neue Erkenntnisse zu produzieren. Dessen muss man sich nicht nur als Wissenschaftler immer bewusst sein. Für den öffentlichen Diskurs, für den Alltagsdiskurs der nicht unmittelbar in die Forschergemeinschaft involvierten Menschen ist demnach der Humanismus als Weltanschauung ein unverzichtbarer Bestandteil und eine Grundvoraussetzung für die Aufrechterhaltung einer rational-logisch denkenden Forschergemeinschaft überhaupt. Auch insofern haben Humanismus und Rationalität einen bedeutsamen Zusammenhang.

Die fundamentale Wahrheit der rational-logischen Erkenntnis lässt sich auch durch humanistische Transzendentalphilosophie an die Mehrheit der Menschen in einer Gesellschaft vermitteln, ohne dass im Detail der Lösungsweg der logischen Forschung erklärt werden muss. Für den gesellschaftlichen Diskurs reichen humane rationale Erklärungen und kurze Polemiken, um der Mehrheit der Menschen den Forschungsstand vorstellbar zu machen. Das bedeutet Journalismus über Wissenschaft, orientiert an der Lebenssituation der Empfänger der Nachrichten. Antiautoritäre Kommunikation zwischen Wissenschaft und der Gesellschaft als Ganzer wird leichter möglich. Dabei ist humanistische Transzendentalphilosophie dann eben gut und sinnvoll verwendbar. Daneben kann teleologischer Humanismus als politischer Code verwendet werden, um die Menschen von der Notwendigkeit der Umsetzung eines wissenschaftlichen Forschungsergebnisses zu überzeugen. Also wäre auch die politische Demagogie der Gesellschaft antiautoritär. So ermöglicht der Humanismus als Leitidee der Moderne die volle Entfaltung des Einzelnen, die volle Entfaltung der Persönlichkeit. Das wäre der Idealfall. Auch um diesen umzusetzen ist eben die Logik notwendig. So wird humanistische Transzendentalphilosophie zu einem Transmissionsriemen zur Implementation der wissenschaftlichen Erkenntnis in der Gesamtgesellschaft.

So werden die Werte und Normen des Humanismus zur Offenbarung der Humanität genutzt, die durch rational-logische Erkenntnis möglich wird und liefern gleichzeitig die Grundbedingungen für die volle Entfaltung der produktiven Kräfte der Wissenschaftler. Es muss darauf geachtet werden, dass nicht Fehlinformationen in die Gesellschaft kommuniziert werden. Auch der sprachliche Code der Massenkommunikation mit der Gesellschaft muss so gewählt werden, dass er allgemeinverständlich und eindeutig ist und darüber hinaus muss für jede Kommunikation auch eine Abschätzung der Folgewirkungen erfolgen. Jede Massenkommunikation muss unterlassen werden, die Gewalt schüren würde oder Zweifel und Unmut beim Adressaten hervorrufen würde, die letztlich zu unvorhergesehenen und unkalkulierbaren autoritären Handlungen führen könnten. Diese transzendentale Offenbarung mag nicht die reine Wahrheit der logischen Erkenntnis widerspiegeln, ist auf die beschriebene Weise jedoch ein guter Beginn für eigene Nachforschungen durch die Empfänger der Information oder auch eine Art Beruhigungspille für die intellektuell weniger begabten Informationsempfänger.

Rational-logische Forschung ist damit gewissermaßen als die Bibel des humanistischen Wanderpredigers anzusehen, der als Verstärker der wissenschaftlichen Erkenntnis in der Gesellschaft fungieren sollte. Gleichzeitig hilft humane Ethik der Rationalität auf die Art, als dass sie die Masse der Gesellschaft in der Weise auf den Fortschritt und den Wandel konditioniert und vorbereitet, dass Veränderungen in der Gesellschaft, in der Produktion, in der Technik und in der Medizin etwa nicht als etwas Gefährliches, etwas Unnatürliches oder etwas Unethisches angesehen werden. So werden die Akzeptanz der Wissenschaft und die Akzeptanz des Fortschritts und der Veränderung in der Gesamtgesellschaft gestärkt. Im Idealfall gibt es keinen Konkurrenzkampf zwischen Vernunfterkenntnis und transzendentaler Offenbarung derselben. Dies funktioniert jedoch nur, wenn humanistische Transzendentalphilosophen nicht dogmatisch auf die Allgemeinverbindlichkeit ihrer Weltanschauung beharren, sondern die Einsicht sich durchsetzt, dass Ethik und Wissenschaft zwei getrennte Bereiche der Philosophie sind und die Notwendigkeit einer Orientierung der Weltanschauung auf das Diesseitige und das Rationale erkannt und beachtet wird. Eine Abweichung von dieser vernunftbasierten Regel kann auch dann zu einer geschlossenen Gesellschaft führen, denn die rein deontologische Verkümmerung aller Menschen einer Gesellschaft würde selbst bei humanistischer Ethik zu ebensolchen totalitären Zuständen führen, wie der totale Herrschaftsanspruch der Kirche im Mittelalter oder wie es aktuell in islamistischen Gottesstaaten der Fall ist. Mit der Ethik ist immer auch die Gefahr verbunden, dass sie den Menschen das Hirn vernebelt und den Fortschritt behindert, weil sie die Tendenz in sich birgt, alle Menschen gleichzuschalten und zu vereinnahmen. Demzufolge ist auch die humanistische Transzendentalphilosophie auf die Erkenntnisse der Logik angewiesen, wenn sie ihre Normen und Werte ernst nimmt und auch real verwirklichen will.

Das Streben nach neuem Wissen hat die Menschheit immer fasziniert. Die Geschichte der Wissenschaft lässt sich heute bis in die Steinzeit zurückverfolgen. Wir wissen, dass neue rational-logische Erkenntnisse dazu in der Lage sind, uns das Leben zu erleichtern und es zu verlängern. Es darf uns nicht gleichgültig sein, ob unser Wissen wahr ist oder nicht. Vermengt man die Wissenschaft und den Prozess ihrer Produktion mit Metaphysik und Ethik, so wird auch das Forschungsergebnis nie die natürliche Wahrheit und Erkenntnis widerspiegeln. Insofern muss man vor Beliebigkeit warnen. Ein humanistischer Transzendentalphilosoph muss sich darüber im Klaren sein, dass er nicht selbst Wissenschaftler ist und auch jederzeit bereitwillig darüber Rechenschaft ablegen und abzulegen bereit sein. Wenn der Eindruck erweckt wird, dass seine Offenbarung, seine Heilslehre bereits die Erkenntnis wäre, ja spätestens dann ist es erforderlich auch über die Methode aufzuklären. Ein humanistischer Theologe, der als Transmissionsriemen für die Wissenschaft in der Gesellschaft wirkt, muss zumindest in der Lage sein, auf den methodischen Unterschied zwischen der metaphysischen Offenbarung und der wissenschaftlichen Methode hinzuweisen, wenn nicht gar diesen auch erläutern können. Nur auf diese Weise kann er seiner Verantwortung in der Gesellschaft Rechnung tragen. Die Anwendung der wissenschaftlichen Methode gehört zum Bereich der Forschung, bei der man auf der Suche nach neuen Erkenntnissen ist. Die Offenbarung der humanistischen Transzendentalphilosophie ist eben demgegenüber der Bereich der praktischen Theologie. Dies muss auch in der Kommunikation mit den Empfängern der Kommunikation eindeutig so dargestellt werden. Letztlich ist das auch nicht ehrenrührig für den humanistischen Theologen, denn ohne seine Offenbarung wird es auch schwer bis unmöglich, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Methode in der realen Gesellschaft umzusetzen. Ein sich nicht in der Forschergemeinschaft befindliches Mitglied der Gesellschaft beschäftigt sich ja auch mit den Fragen des täglichen Lebens und muss daher durch den Humanismus auf die Erkenntnis und den Fortschritt vorbereitet werden, damit ihn die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft nicht in Angst versetzen. Die Erkenntnis beeinflusst nun mal auch die täglichen Lebensabläufe der Menschen und es ist die Aufgabe der humanistischen Transzendentalphilosophie, die gesellschaftlichen und persönlichen Verhältnisse der Menschen täglich so zu justieren, dass einerseits Forschung möglich bleibt und andererseits Fortschritt möglich wird.

Es bestehen eben Unterschiede zwischen Wahrheit, Realität und Wahrhaftigkeit und es ist notwendig, dies zur Kenntnis zu nehmen, wenn man die gesellschaftlichen Verhältnisse durch rational-logische Forschung verändern will. Dabei ist der humanistische Theologe zwar nicht der Forscher selbst, aber er ist nah am aktuellen Forschungsstand, an der wissenschaftlichen Entwicklung stets interessiert und auch in der Lage sie zumindest rudimentär nachvollziehen zu können, er ist aber ebenso nahe an den einzelnen Mitgliedern der Gesellschaft und an deren Sorgen und Nöten, er eruiert die Probleme und gibt Lösungen und ethische Vorgaben für das friedfertige Zusammenleben, er versucht nach beiden Seiten zu vermitteln, damit es stets ein produktives Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft gibt. Im Idealfall ist er selbst vorurteilsfreier Empiriker an der Gesellschaft und ohne dabei zu personalisieren dadurch gleichzeitig ein Helfer für den Wissenschaftsbetrieb. Gleichzeitig ist er Problemlöser für den Alltag und lässt dabei sein Wissen über die gesicherte Erkenntnis in seine Seelsorge mit einfließen.

Das Verhältnis zwischen Humanismus und Rationalität zeigt sich auch in der Weise, dass die Menschen auch die Tendenz in sich haben etwas Übergeordnetes, etwas Mythisches, etwas Ewiges, etwas Kultisches im Leben zu suchen, was mit Rationalität zunächst einmal nicht im Einklang steht. Dabei ist es besonders wichtig, den Menschen immer den Ausweg zu liefern, dass alles das, was nicht rationalistisch ist, was nicht wissenschaftlich und logisch ist auch immer eine Gefahr für die Ausgeglichenheit der Psyche sein kann. Es kommt also darauf an, bei der humanistischen Seelsorge auch immer zu beachten, dass bei dem Aufkommen von Problemen, die sich in Zusammenhang mit dieser Tatsache ergeben können immer auch ein logischer Ausweg aufgezeigt werden kann, der verhindert, dass man als Mensch in den Gedankenkonstrukten einer rationalen Theologie gefangen bleibt. Die Ketzerei an jeder normativ-ontologischen Theorie muss nicht nur erlaubt sein, sie ist vielmehr notwendig, damit die Menschen ihr Bewusstsein schärfen können, selbstkritisch bleiben können und Selbstbewusstsein entwickeln können. Eine Form des egalitären Humanismus ist daher eine Möglichkeit, die Menschen davor zu bewahren, in Ideologie gefangen zu bleiben und dabei intellektuell zu verkümmern. Der ethische Humanismus selbst ist auch nicht davor gefeit, die Menschen zu Stümpfen verkümmern zu lassen, die letztlich keinerlei rationale Argumente mehr akzeptieren und als Gesinnungsethiker ihr Dasein lediglich an deontologische Dogmen knüpfen und wie eine Maschine funktionieren. Auch dies würde den Fortschritt verhindern.

Der humanistische Theologe muss daher als Vorreiter der Rationalität in der Form agieren, dass er selbst sich nicht zu ernst nimmt und nicht zu wichtig nimmt. Er muss die Freiheit des Individuums zulassen und fördern, weil die Gesamtheit der Menschheit nur dann frei sein kann, wenn jeder für sich selbst frei ist. Frei kann man aber nur dann sein, wenn man frei ist von jeglichen ethischen Dogmen, wenn man auf das rein natürliche Sein als Mensch zurückgeführt ist, wenn man sich frei macht von Umwelteinflüssen, wenn man frei ist von Pflichten und ohne Zwang denken und handeln kann.

Im Idealfall gibt es einen Einklang zwischen humanistischer Offenbarung der wissenschaftlichen Erkenntnis und der wissenschaftlichen Erkenntnis als solcher. Das bedeutet, dass nicht jedem Mitglied der Gesellschaft zu jeder Zeit das gesamte Wissen der Menschheit vor Augen sein muss, sondern dass es jederzeit Optionen darauf gibt, Zugang zur rationalen Erkenntnis zu haben. Humanistische Transzendentalphilosophie kann daher neben ihrer Funktion als Transmissionsriemen auch als ein Filter wirken, der die Menschen davor bewahrt, dass sie von Rationalität erschlagen werden. Für viele Menschen ist es eine Horrorvorstellung, dass die Rationalität die gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse beherrscht. Auf der anderen Seite ist rein logisch gesehen aber die totale Herrschaft des Rationalen, die Herrschaft der Logik die bestmögliche Option, um den Menschen alle Annehmlichkeiten zu verschaffen, die ihr Leben erleichtern und verlängern. Dies mag zwar irgendwie auch jedem unmittelbar einsichtig sein, reicht aber vielen Menschen nicht aus dafür, ein glückliches Leben zu führen. Durch die Dominanz der Rationalität würde der Eindruck erweckt, dass es keine individuellen Handlungsoptionen mehr gäbe, eben keine Möglichkeit mehr, der Rationalität zu entfliehen und keine Möglichkeit mehr, eigene Entscheidungen im Leben nach eigenem Gutdünken zu fällen. Dies ist zwar ein Trugschluss, jedoch muss man auf diese empirisch zu beobachtende Tatsache Rücksicht nehmen, weil der Mensch nicht nur ein rationales Wesen ist, sondern auch ein Gemütswesen, dass sich nur dann wohl fühlt, wenn es auch zumindest in der Lage ist, irrationale Entscheidungen fällen zu dürfen. Insofern ist auch hier humanistische Transzendentalphilosophie ein Ausweg, eine Möglichkeit, den Menschen die Freiheit zu suggerieren, die sie nach Ihrer Ansicht in einer rein rationalen Welt nicht hätten. Insofern gibt es auch einen psychologischen Aspekt der humanistischen Transzendentalphilosophie. Nur wenn ein Mensch auch mal nicht rational sein darf, wenn er mal abschalten darf, wenn er Tier sein darf, fühlt er sich ausreichend frei. Nur wenn ein Mensch gegenüber der Rationalität auch misstrauisch sein darf, scheint ihm selbst das Leben erst lebenswert.

Die Vernunfterkenntnis durch die wissenschaftliche Methode ist daher ein Mittel, sich das Leben zu vereinfachen, sie ist aber für das Sein des Menschen als Mensch keineswegs ausreichend, um im Diesseits Glückseligkeit, Freude und Zufriedenheit zu erlangen. Letztlich aber ist es auch so, dass je mehr Rationalität und je mehr Erkenntnisse auf der Grundlage der wissenschaftlichen Methode erreicht werden, es auch mehr Möglichkeiten dazu gibt, der Gemütsmensch zu sein, das bedeutet je mehr wissenschaftlicher Fortschritt, desto mehr ist der Mensch auf sein natürliches Sein als Lebewesen zurückgeführt und hat immer mehr Möglichkeiten zur freien Entfaltung seiner Persönlichkeit. Daher kommt es darauf an, dass humanistische Transzendentalphilosophie und wissenschaftliche Rationalität in einem produktiven Verhältnis zueinander stehen. Letztlich lässt sich dies auch nur durch Erkenntnisse auf der Basis der wissenschaftlichen Methode organisieren, doch eine humanistische Lebensphilosophie bleibt zumindest für den Menschen selbst und für sein Sein unerlässlich. Im besten Falle ist der Mensch also sein eigener Seelsorger, offenbart sich die Erkenntnisse der Wissenschaft selbst gegenüber sich selbst, ist sich des Unterschieds zwischen Ethik und Wissenschaft bewusst, fungiert selbst als Transmissionsriemen zwischen der Welt der Wissenschaft und seinem menschlichen Sein als Individuum in einer Gesellschaft von freien Menschen, in der alle Menschen in genau dieser Form und Funktion frei sind. Dies wäre die ideale Symbiose zwischen dem Menschen als gesellschaftlichem Wesen, das zurückgeführt auf seine natürlichen humanen Eigenschaften und Triebe eine individualistische Lebensphilosophie frei entwickelt und durchführt, d.h. natürlich lebt, und gleichzeitig die Bedingungen seines eigenen Daseins und die Bedingungen des Daseins der gesamten Menschheit unter Anwendung der wissenschaftlichen Methode stets verbessert.

Die Frage ist nun, wie man diesen Menschen durch Bildung so frei macht, dass er die von ihm selbst natürlich gewünschte Rolle als gesellschaftlichem Wesen erkennt und gleichzeitig ihm das Handwerkszeug der Wissenschaft anträgt, ohne ihn selbst dabei zu unterdrücken, seine Lebensphilosophie frei zu entwickeln und auszuüben. Es ist keine Frage, dass es dabei darauf ankommen würde, dem Menschen als Gestalter seines eigenen Lebensentwurfes so viel Freiheit wie möglich im Bildungssystem zuzulassen, aber gleichzeitig immer darauf hinzuweisen, dass man als sein eigener Transzendentalphilosoph auch nicht vollständig frei ist in dem Sinne, dass man nur dann frei ist, wenn man sich vollständig frei von jeglicher normativ-ontologischer Theorie macht. Jegliche Penetration im Hinblick auf eine religiöse oder weltanschauliche Dogmatik ist bei der Bildung zu unterlassen, es ist stattdessen darauf zu setzen, Einflüsse einer solchen Dogmatik als Gefährdung des Menschen zu betrachten und ihn auf diese Tatsachen hinzuweisen. Die Erkundung der Welt und die Beschreibung der Wirklichkeit durch den Menschen selbst muss gefördert werden. Eine wahrheitsgetreue empirische Beschreibung der Welt kann jedoch auch nur dann stattfinden, wenn man frei ist von den Einflüssen jeglicher normativ-ontologischen Theorie. Ich gehe davon aus, dass ein gesunder Mensch, wenn er nicht von irgendeiner normativ-ontologischen Ideologie penetriert und durch sie indoktriniert wurde, immer eine humanistische Lebensphilosophie für sich selbst vertritt, d.h. auch grundsätzlich immer nach den Prinzipien des Kategorischen Imperatives handelt. Auch durch Anwendung der wissenschaftlichen Methode wird immer diesen Prinzipien genüge getan. Die Lehre muss sich daher darauf beschränken, empirische Befunde darauf abzuprüfen, ob sie ausreichend der Wirklichkeit entsprechen und ob sie ohne Beeinflussungen durch normativ-ontologische Theorien frei erstellt werden konnten. Gleichzeitig kommt es darauf an, die wissenschaftliche Methode zu lehren und auf den Unterschied zwischen dem Menschen als Gemütswesen und dem Menschen als rational denkenden Wesen hinzuweisen. Die wichtigsten Aspekte freier Bildung sind demnach, Ideologie zu entlarven, ideologiefreie empirische Forschung an der Wirklichkeit der Welt zu fördern, daneben dafür zu sorgen, dass rational-logische Erkenntnisse der Wissenschaft nicht als Gefahr, sondern als Chance für den gesellschaftlichen Fortschritt begriffen werden, die logische Methode zu erläutern und anwenden zu lassen und den Menschen als Lebewesen mit seinen Eigenschaften als rational-logisch denkendem Akteur innerhalb der Gesellschaft und als Wissenschaftler dem Menschen als einem von Trieben, Sehnsüchten und Emotionen geleiteten Wesen gegenüberzustellen. Daneben gilt es, dem Menschen bewusst zu machen, wann und wie er in einer der beiden Rollen handelt. Das Bewusstsein darüber muss ihm auf die Weise klargemacht werden, dass er in die Lage dazu versetzt wird, sich selbst kritisch zu reflektieren und sich selbst bewusst zu machen, wann und warum er selbst in einer der beiden Rollen agiert.

Humanistische Transzendentalphilosophie und die Vorteile der solchen für das freie Erstellen der eigenen Lebensphilosophie sind ebenso den Menschen zu erläutern, wie die Vorteile und Vorzüge der rational-logischen Erkenntnis auf der Grundlage der wissenschaftlichen Methode. Erst durch die bewusste Kenntnis beider Aspekte des menschlichen Lebens kann der Mensch als Individuum freie Entscheidungen fällen. Wird der Mensch lediglich durch das Auswendiglernen von empirischen Befunden anderer über die Wirklichkeit der Welt ausgebildet, so verkümmert er, wird zu einem unfreien Wesen, dass letztlich nur in der Lage dazu ist, irrationale Entscheidungen auf der Grundlage von indoktrinierter Dogmatik zu fällen. Ein so ausgebildeter Mensch ist jederzeit anfällig für autoritäre Demagogen, denn ihm wird die Möglichkeit genommen, freie Entscheidungen fällen zu können, sich frei über alles Wichtige informieren zu können, eine Lebensphilosophie aufgrund seiner natürlichen Eigenschaften als Mensch frei zu entwickeln und darüber hinaus am Fortschritt der Menschheit durch eigene Forschung unter Anwendung der rational-logische Methode teilzuhaben. Ein so ausgebildeter Mensch kann nicht einmal ansatzweise teilhaben an der Wissensgesellschaft, kann nicht einmal die Notwendigkeit des wissenschaftlichen Fortschritts verstehen und letztlich auch in keiner Weise als Multiplikator einer humanistischen Transzendentalphilosophie agieren und wird deshalb zwangsweise unglücklich und letztlich zu einer Person, die die Umsetzung des wissenschaftlichen Fortschritts verhindert. Auf diese Weise wird dem Menschen allzu oft durch das herrschende Bildungssystem Gewalt angetan, die später dazu führt, dass die Gewalt in der Gesamtgesellschaft erhöht wird. So produziert das jetzige herrschende Bildungssystem ständig die Reaktionäre von morgen, die letztlich nur verhindern, dass es der Menschheit in Zukunft besser geht als heute. Die von mir skizzierte freie Bildung ist demnach auch ein Mittel, um Gewalt in der Gesellschaft vorzubeugen.

Der gesellschaftliche Wandel wird in unserer Zeit immer rasanter. Niemand kann wirklich an wissenschaftlicher Forschung gehindert werden, weil die Gesetze die Forschungsfreiheit in jeder Form zulassen. Gleichzeitig aber gibt es, nicht nur durch das mehrgliedrige Bildungssystem, immer mehr Outsider in Bezug auf die Bildung in unserer Gesellschaft. Zwar ist die Quote derer die höherwertige Bildungsabschlüsse erreichen höher geworden, auf der anderen Seite ist dies nicht unbedingt ein Ausdruck von Qualität, man muss nur auf die eben genannten Argumente verweisen um dies zu sehen. Deshalb ist es eine enorme Gefahr, wenn das Bildungssystem unmündige Menschen produziert, die letztlich ihr Leben lang in Unfreiheit leben müssen, weil in jungen Jahren bereits gar niemand ihnen zu mehr Bildung in dem von mir angestrebten Sinne verholfen hat. Dies führt dazu, dass es immer schwieriger sein wird, den wissenschaftlichen Fortschritt an alle Menschen zu vermitteln.

Man kann auch im politischen System etwa in Deutschland und Europa einen Trend zur Reaktion bemerken. Zwar geben sich alle Parteien vordergründig und formal humanistisch in ihrer politischen Propaganda, auf der anderen Seite ist es aber auch hier so, dass für den kurzfristigen persönlichen und parteipolitischen Erfolg, Unmündigkeit beim Menschen produziert und verstärkt wird, was lediglich dazu führt, dass der Unmut der Ungebildeten, der Törichten und der Einfältigen sich dadurch äußert, dass Gesinnungsethiker ihre stumpfsinnige Metaphysik totalitär stellen und damit letztlich in fast allen Parteien einen zumindest nicht irrelevanten Teil der Parteimitgliedschaft und sogar der Abgeordneten für sich reklamieren können. Autoritäre Demagogen bedienen sich dieses Personenkreises, um einen finanziellen Vorteil zu erlangen. Sie machen Borniertheit zu ihrem Credo und schaden damit der Allgemeinheit. Das ist eine Gefahr für eine aufgeklärte Gesellschaft, eine Gefahr für die bürgerliche Demokratie und für den innergesellschaftlichen Frieden, denn der Fortschritt und damit ein besseres Leben für alle Menschen wird dadurch enorm beeinträchtigt oder gar verhindert. Diese Handlungen sind gewalttätig, gegen die Prinzipien der Humanität gerichtet, greifen die Menschenwürde und die freie Entfaltung der Persönlichkeit an und führen zu einer geschlossenen, gewalttätigen und stumpfsinnigen Gesellschaft. Insbesondere dieser Tendenz muss daher durch Wissenschaft und durch humanistische Transzendentalphilosophie entgegengewirkt werden.

Man kann also behaupten, dass wir in einer Kultur der Unfreiheit leben und dass eine Notwendigkeit besteht, dieser Tendenz der Unfreiheit entgegenzuwirken. Dazu kann nur die Rationalität uns Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Humanistische Transzendentalphilosophie ist in der Lage dazu, die Handlungsoptionen für die Wissenschaft auf die Gesellschaft zu erweitern. Die kulturellen Zusammenhänge einer Gesellschaft müssen fortwährend neu analysiert werden, ebenso wie die soziale Struktur, die ökonomischen Zusammenhänge und die Voraussetzungen für die Sicherheit einer Gesellschaft. Nur auf der Grundlage einer solchen empirische Datenbasis kann Wissenschaft rational-logische Forschung erzeugen, die letztlich einzig in der Lage dazu ist, den Status quo zu verändern. Das bedeutet, dass auch fortwährend ein Prozess der Aufklärung stattfinden muss, dass die Menschen fortwährend sensibilisiert werden müssen für die Erkenntnisse der Wahrheit und nicht in erster Linie für transzendentalphilosophische Gedankengebäude der Wahrhaftigkeit. Eine rein ethische und moralische Verwendung der humanistischen Transzendentalphilosophie würde letztlich dazu führen, dass die Gesellschaft sich in Sicherheit wägt, die gar nicht mehr vorhanden sein kann, weil der Prozess der Forschung durch die wissenschaftliche Methode nicht mehr ausreichend funktioniert. Insofern gibt es, wie ich auch bereits angedeutet habe, immer ein neu auszulotendes Verhältnis zwischen Offenbarung und Wahrheit.

Die humanistische Theologie produziert aus sich selbst heraus keine Wahrheit, das unterscheidet sie auch nicht von jeder anderen Religion oder Weltanschauung. Insofern ist für ein reales Wirken für den Fortschritt in die Gesellschaft hinein die Wissenschaftsfreiheit unerlässlich. Bedeutend ist humanistische Transzendentalphilosophie immer dann, wenn sie sich der Rationalität ergibt und sich in ihren Dienst stellt. Die Menschen werden weiterhin Halt in transzendentalphilosophischen Systementwürfen suchen, jedoch kann man als Vermittler einer solchen Philosophie der humanen Offenbarung, sozusagen als deren Prediger eben darauf hinwirken, dass sich der Einzelne nicht gegen die rational-logische Erkenntnis der Wissenschaft sträubt. Das oberste Prinzip der humanistischen Offenbarung muss es daher sein, so zu predigen, dass herausgestellt wird, dass die Fortschritte durch die wissenschaftliche Erkenntnis dem Menschen nicht nur praktisch dienlich sind, sondern darüber hinaus diese praktischen Vorzüge dem einzelnen Menschen auch an seiner Lebenswirklichkeit orientiert demonstrieren. Dem einzelnen Menschen muss der Nutzwert der wissenschaftlichen Forschung eindeutig und am Beispiel vor Augen geführt werden. Der Aspekt der Nützlichkeit für die eigenen Lebensumstände ist das stärkste Argument, um für die Akzeptanz der Rationalität, ihrer Erkenntnisse und ihrer praktischen Ergebnisse zu werben. Nebenbei erhöht dieses Wissen über die Rationalität auch das Zufriedenheitsgefühl des Menschen, denn ihm wird suggeriert, dass er an der Weisheit der Menschheit beteiligt ist, selbst dann, wenn er nicht selbst am Forschungsprozess beteiligt war.

Es geht letztlich auch um die Verbindung von Wahrheit, Weisheit, Schönheit und Zufriedenheit, um den Menschen ein besseres Dasein zu ermöglichen. Es ist nicht ausreichend, ausschließlich die Vorzüge der wissenschaftlichen Forschung und ihre Ergebnisse zur Verfügung zu stellen, sondern es ist ebenso gleichzeitig notwendig, den transzendentalphilosophischen Lebensentwurf des Einzelnen damit in der Form zu verbinden, dass dem Menschen ein Gefühl der Sicherheit, ein Gefühl der Mittätigkeit, ein Gefühl der Notwendigkeit und ebenso das Gefühl vermittelt wird, dass Wissenschaft für den Menschen geschieht und nicht gegen ihn. Dabei muss der transzendentalphilosophische Vermittler als Ingenieur für die Wissenschaft innerhalb der Gesellschaft darauf achten, dass er nicht die Wissenschaft in falscher Weise in seine Predigten miteinbezieht. Es kann nicht sinnvoll sein, den Eindruck zu erwecken, dass die Transzendentalphilosophie es selbst war, die diesen Fortschritt erzeugt hat, sondern es muss auch beim Rezipienten der Offenbarung deutlich gemacht werden, dass der humanistische Theologe als Prediger lediglich ein Medium ist, dass zwischen Gesellschaft und Wissenschaftssystem in produktiver Weise vermittelt.

Wahrheit durch Vernunfterkenntnis auf der Grundlage der wissenschaftlichen Methode findet auch unter Verwendung der wissenschaftlichen Sprache statt, einer gehobenen und zum Teil fachspezifischen Form der Kommunikation, die sich letztlich auch fast ausschließlich an diejenigen richtet, die ebenfalls Teil der Forschungsgemeinschaft sind. Die Kommunikation der Offenbarung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft muss eine andere Form annehmen. Das bedeutet, dass der humanistische Theologe selbst eine Sensibilität dafür aufweisen muss, zu welchem Publikum er spricht, eine Sensibilität dafür, wer die Adressaten seiner Offenbarung sind. Dies setzt wiederum voraus, dass er ausreichende Kenntnis über die gesellschaftlichen Zusammenhänge und die Klassen, die sozialen Schichten der Gesellschaft hat und über die daraus ableitbaren Eigentümlichkeiten und sprachlichen Fähigkeiten der einzelnen Menschen informiert ist, zu denen er kommuniziert. Es ist sicher eine andere Form der Kommunikation und ganz sicher eine andere Wortwahl möglich, ob man nun zu einem Podium der Fachpresse geht um dort zu referieren, ob man im politischen Diskurs eine Rede hält oder ob man seine Kommunikation über die Medien als Massenkommunikation propagiert. Insofern setzt die Tätigkeit als humanistische Theologe im Auftrag der Wissenschaft ein hohes Maß an sprachlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten voraus, dessen Wirkung auf die Adressaten der Kommunikation nicht unterschätzt werden sollte.

Der Rationalität und der Forschungsgemeinschaft als solcher kann der humanistische Theologe dadurch besonders dienlich sein, indem er aufgeweckte und für die Rationalität und die Wissenschaft empfängliche Menschen dem Wissenschaftssystem zuführt und den Prozess seiner Ausbildung zur wissenschaftlichen Methode durch eine Form der psychologischen Seelsorge produktiv begleitet. Gleichzeitig ist auch die Verbreitung von humanistischer Moraltheologie eine Aufgabe des modernen Predigers. Er muss offen sein für die Ängste und Nöte der einzelnen Menschen in der Gesellschaft und durch antiautoritäre Kommunikation darauf hinwirken, dass einerseits das Wissenschaftssystem ohne Penetration produktiv arbeiten kann und andererseits jeder einzelne Mensch und die Gesellschaft als Ganze auch die transzendentalphilosophischen Lösungen durch die Offenbarung bekommt, die notwendig sind um einen individuellen Lebensentwurf erstellen und umsetzen zu können.

Dabei ist dem Grundsatz nach auf das Prinzip der Menschenwürde und das Prinzip der freien Entfaltung der Persönlichkeit jedes einzelnen Mitglieds einer Gesellschaft zu achten. Humanistische Transzendentalphilosophie erfüllt demnach eine wichtige Rolle für die Forschungsgemeinschaft, wirkt sich jedoch auch positiv für die Kultur einer Gesellschaft aus. Die Menschen werden kreativer, sie fassen den Mut sich aktiv in gesellschaftliche Zusammenhänge einzumischen, sie bedienen sich ihres eigenen Verstandes. Diese Entwicklungen muss die Offenbarung fördern. Eine Gesellschaft wird immer dann vielfältiger, offener und gewaltfreier, desto mehr antiautoritäre Kommunikation zwischen den einzelnen Mitgliedern der Gesellschaft möglich wird.

Ich habe damit an dieser Stelle durchaus ausführlich über den Zusammenhang von Humanismus und Rationalität berichtet. Ich habe dargestellt, auf welche Weise das Zusammenspiel von humanistischer Transzendentalphilosophie und wissenschaftlicher Forschung ein produktives ist und über die Vermittlerrolle der humanistischen Offenbarung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft einige wichtige Bemerkungen gemacht. Man möge an dieser Stelle noch einige weitere Zusammenhänge darlegen können, es ist aber nunmehr meines Erachtens auch ausreichend dies kurz und knapp formuliert zu haben. Der wichtigste Zusammenhang und die wichtigste Erkenntnis dieses Textes scheint mir zu sein, dass der Humanismus als Weltanschauung die Rationalität nicht nur dadurch ermöglicht, dass er offen ist für die wissenschaftliche Erkenntnis, sondern auch insbesondere dadurch weiter ermöglichen kann, wenn er sich in den Dienst der Wissenschaft stellt und als Medium agiert, das für den Fortschritt in der Gesellschaft für Akzeptanz sorgt. Die rationale Seite, das Wissenschaftssystem muss allerdings auch sensibel dafür sein, dass allein auf der Grundlage der wissenschaftlichen Methode noch keine Kommunikation mit der Gesamtgesellschaft möglich ist und dass allein durch die gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Forschergemeinschaft noch keine gesamtgesellschaftlichen Fortschritte in Bezug auf die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen erreicht werden können. Es kommt demnach auf ein geschicktes Austarieren zwischen Wissenschaft und humanistischer Offenbarung an, damit die Erkenntnisse des wissenschaftlichen Fortschritts letztlich auch in der Gesellschaft positiv wirksam werden können.

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