Marxismus und Betriebsrente

Ich wurde von einem Webseiten-Besucher des Karl-Marx-Institutes befragt, ob es in der marxistischen Theorie auch Zitate zum Thema Betriebsrente gäbe und wie sich die marxistische Theorie zum Thema Rente im Allgemeinen verhalte.

Diese Frage zu beantworten ist bei weitem nicht einfach. Ein direktes Zitat zum Thema Rente ist mir weder von Marx noch von Engels bekannt. Ich würde aber folgende Argumentation verfolgen, um das Thema Rente in Anwendung marxistischer Philosophie zu erläutern:

Zur Zeit von Karl Marx gab es ja noch keine demokratischen Verhältnisse, diese stellen aber eine zwingende Notwendigkeit dar, um vom Kapitalismus a la Manchester abzukehren. Dies müsste geschehen durch eine sozialistische Revolution:

„Die produzierende Klasse (nimmt) die Leitung der Produktion und Verteilung der bisher damit betrauten, aber jetzt dazu unfähig gewordenen Klasse ab …, und das ist eben die sozialistische Revolution.“1

Das heißt, dass nur dann, wenn das Proletariat im politischen System ausreichend repräsentiert ist, auch die Möglichkeit dazu besteht, das Klasseninteresse des Proletariats durch demokratische Gewalt gegen die Klasse der Kapitalisten geltend zu machen. Eine Versorgung der Arbeiter im Alter liegt unzweideutig im Klasseninteresse des Proletariats.

„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“2

Es geht bei der Rente also um einen Ausgleich zwischen Proletarier und Kapitalist. Dies ist ein Beispiel für den Klassenkampf. Ein Kampf um soziale Umverteilung.

Ich würde weiterhin argumentieren, dass im kapitalistischen Wirtschaftssystem der Mensch selbst Ware und Kapital ist. Ware als Arbeiter, dessen Arbeitskraft vom Kapitalisten eingekauft wird, Kapital als Arbeiter, Forscher, Entwickler und als heute sogenanntes Humankapital.

„Die Aufgabe des Sozialismus … ist vielmehr nur die Übertragung der Produktionsmittel an die Produzenten als Gemeinbesitz. … Der Sozialismus richtet sich ganz speziell gegen die Ausbeutung der Lohnarbeit.“3

Die Ausbeutung des Arbeiters bis ans Ende des Lebens wäre in einem Leben ohne bezahlten Altersruhestand aber nun wirklich nicht human. Der Marxismus versucht jedoch, den Humanismus unter Zuhilfenahme logisch bewiesener Hypothesen umzusetzen und eine Gesellschaft der freien und gleichen Menschen zu erzeugen.

„Der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewußt und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d.h. menschlichen Menschen. Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus ≈ Humanismus, als vollendeter Humanismus ≈ Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflösung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung.“4

Eine Altersrente wäre demnach eine Forderung nach einer humaneren Gesellschaft. Alles was in Richtung mehr sozialer Umverteilung geht, wäre als ein Beitrag auf dem Weg zu einer klassenlosen Gesellschaft zu verstehen. Eine Altersrente ist eine Notwendigkeit zur Befriedigung der Bedürfnisse des Arbeiters. Durch sie wäre der Grad an Vergesellschaftung von Kapital und Arbeit höher, als ohne eine Altersrente:

„… Gesellschaftliche Produktion heißt, … dass die Gesellschaft, wie nach einem Plan, ihre Produktionsmittel und Produktivkräfte verteilt in dem Grad und Maß wie nötig zur Befriedigung ihrer verschiedenen Bedürfnisse, so dass auf jede Produktionssphäre das zur Befriedigung des Bedürfnisses, dem sie entspricht, der nötige Anteil des gesellschaftlichen Kapitals falle.“5

Um diese Notwendigkeit herzuleiten, könnte man auch im Werk von Friedrich Engels „Zur Lage der arbeitenden Klasse in England“ Zitate verwenden, die das Elend und die Zwangslage der Arbeiter deutlich machen. Man könnte aber auch dieses Zitat von Karl Marx dahingehend interpretieren:

„Worin besteht nun die Entäußerung der Arbeit? Erstens, daß die Arbeit dem Arbeiter äußerlich ist, d. h. nicht zu seinem Wesen gehört, daß er sich daher in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine freie physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Haus. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen.“6

Die Idee der marxistischen Philosophie ist nun aber nicht, dem Proletariat Vorgaben zu machen, welches sein Klasseninteresse ist. Eine Altersversorgung ist doch aber wohl im Interesse des Menschen als Mensch, der in einer kapitalistischen Gesellschaft von entfremdeter Arbeit betroffen ist. Es wäre also eine Möglichkeit, die durch den Kapitalismus in der bürgerlichen Gesellschaft entstandenen Produktivkräfte zum Vorteil des Proletariats zu nutzen.

„In großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation bezeichnet werden. Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinn von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden Antagonismus, aber die im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.“7

Die gegenwärtige Gesellschaft ist also gekennzeichnet durch den antagonistischen Klassengegensatz zwischen Arbeit und Kapital. Das Ziel der marxistischen Philosophie ist aber die Schaffung einer klassenlosen Gesellschaft, in der jeder Mensch frei und gleich ist.

„An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“8

Insofern geht es nicht nur um eine Umverteilung von Kapital, d.h. um die Vergesellschaftung von Kapital und Eigentum. Es geht auch um die Klassenlosigkeit in Bezug auf Herrschaftsverhältnisse insgesamt. Demnach wäre eine Betriebsrente zwar nur die Auszahlung des Lohnes in anderer Form, aber dennoch würde es das durch das politisch-ökonomische System bestehende Leid des Proletariats mindern.

Mehr kann ich im Moment aus Zeitgründen hierzu nicht argumentieren. Jedoch noch soviel: Der Marxismus ist eine logische Theorie, eine übergeordnete Theorie, die nicht im Einzelnen jeden Aspekt des Klassenkonfliktes bearbeitet hat. Insofern, und durch die Tatsache, dass es in der Zeit von Karl Marx vor allem in erster Linie um den Lohn geht, würde ich die Rente, auch in der Form der Betriebsrente, als den Lohn des Arbeiters auffassen. Dieser Lohn kann Kapital sein, wenn er zum Zwecke der Gewinnmaximierung bis zur Zeit der Auszahlung investiert wird.

Was die staatliche Rente betrifft, wäre dies sicher eher als eine Form der gesellschaftlichen sozialen Umverteilung durch demokratischen Willen auf der Grundlage einer humanistischen Philosophie zu verstehen. Gäbe es eine gesetzliche Pflicht zur Betriebsrente, so wäre auch dies Teil der gesellschaftlichen Umverteilung durch den Staat. In jedem Falle ist die Rente aber meines Erachtens zuallererst nicht als Kapital aufzufassen, sondern als Lohn. Zum Lohn selbst könnte man in der Schrift „Lohn, Preis und Profit“ von Karl Marx noch einige Bemerkungen finden.

  1. Engels, Friedrich: Brief an Lawrow (12.11.1875), in: MEW Band 34, S. 171, online unter: http://www.marx-forum.de/politik/politik_r/revolution.html
  2. Marx, Karl: Manifest der Kommunistischen Partei, in: MEW Band 4, S. 462, online unter: http://www.mlwerke.de/me/me04/me04_459.htm
  3. Engels, Friedrich: Die Bauernfrage in Frankreich und Deutschland, in: MEW Band 22, S. 493, online unter: http://www.mlwerke.de/me/me22/me22_483.htm
  4. Marx, Karl: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, in: MEW Ergänzungsband, 1. Teil, S. 536, online unter: http://www.mlwerke.de/me/me40/me40_533.htm
  5. Marx, Karl: Theorien über den Mehrwert II, MEW 26.2, S. 529, online unter: http://www.mlwerke.de/me/me26/me26b471.htm
  6. Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, MEW Ergänzungsband, 1. Teil, S. 514, online unter: http://www.mlwerke.de/me/me40/me40_510.htm
  7. Marx, Karl: Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW Band 13, S. 9, online unter: http://www.mlwerke.de/me/me13/me13_007.htm
  8. Marx, Karl: Manifest der Kommunistischen Partei, in: MEW Band 4, S. 482, online unter: http://www.mlwerke.de/me/me04/me04_459.htm

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